In der Rhetorik der Fondsgesellschaften ist das Wort "Spekulation" samt aller Flexionen seit Beginn der Finanzkrise 2008 eigentlich gestrichen. Zu nahe liegen die Bilder skrupelloser Zocker - welcher Investor will schon "Spekulanten" sein Geld anvertrauen?
Inzwischen offenbar wieder eine ganze Menge. "Günstiger Marktzyklus für spekulative Projektentwicklung" wirbt neuerdings die Immobilienfondsgesellschaft Union Investment Real Estate. Es geht um ein Projekt in London, das Vorstandsmitglied Karl-Joseph Hermanns-Engel an einem Herbsttag 2011 persönlich Investoren vorstellt.
Am Finsbury Circus im Norden der Innenstadt, einen Steinwurf von der Liverpool Street Station entfernt, steht Hermanns-Engel mit einer neongelben Weste und weißem Helm auf dem Kopf und erklärt, was die Genossenschaftsbanker vorhaben: Ein achtstöckiges Bürohaus wird bis auf die Außenwände abgerissen - und bis 2013 wieder neu aufgebaut. Schöner, ein bisschen größer und energiesparender. Ob es sinnvoll ist, ein Gebäude aus dem Jahr 1991 völlig zu entkernen? Egal - die starke Nachfrage scheint Union recht zu geben.
Auf dem Londoner Immobilienmarkt ist wieder einmal der Teufel los. Obwohl die britische Wirtschaft 2011 vermutlich um lediglich 1,1 Prozent gewachsen ist. Obwohl die Finanzbranche Zehntausende Stellen gestrichen hat. Obwohl die City die dritte Krise in zehn Jahren erlebt.
In London - mit 7,6 Millionen Einwohnern größte Metropole der Europäischen Union und Ausrichter der Olympischen Sommerspiele 2012 - haben sich die Dinge verselbstständigt. Gigantische Summen vor allem ausländischen Kapitals strömen in hochwertige Privat- und Gewerbeimmobilien - und treffen auf einen Markt, in dem viele Besitzer in einen Verkäuferstreik getreten sind. Bei erstklassigen Büro- und Geschäftsgebäuden, dem am stärksten gefragten Segment, ist erst 2014 mit einer Entspannung durch ein größeres Angebot zu rechnen.

Wer kein komplettes Objekt kaufen will, kann über Immobilienaktien und -fonds in London investieren. Mitverdienen lässt sich allerdings nur, wenn das Management rechtzeitig eingestiegen ist. In keinem anderen Markt wechseln Gebäude so schnell den Besitzer. Und in keinem anderen Markt schwanken die Preise so stark: So haben Gewerbeimmobilien nach einem Einbruch um bis zu 50 Prozent bereits wieder Vorkrisenniveau erreicht. Auch die Mieten zogen zuletzt spürbar an. Sie kletterten seit 2009 im Schnitt um 25 Prozent. In den gefragten Spitzenlagen im noblen West End waren es sogar 45 Prozent.
Der typische Zyklus und die mehrjährige Frist zwischen Auflegung eines Projekts und Fertigstellung sorgt jetzt für einen besonders kräftigen Preisschub: Im Herbst 2008 glaubte kaum jemand an eine rasche Erholung, laufende Bauvorhaben wurden gestoppt. 2009 wurden noch mehr Neubauten fertiggestellt als in den fünf Jahren zuvor - alles Projekte, die in der Euphorie der ersten Hälfte des Jahrzehnts erdacht worden waren. Danach brach der Markt ein. Im vergangenen Jahr wurden gerade noch 200?000 Quadratmeter fertiggestellt. Nun füllt sich die Projektpipeline wieder, wenngleich so langsam, dass die Analysten von Deka für 2014 ein Neubauvolumen erwarten, das gerade halb so groß ist wie das 2009.
Der Grund für die Popularität Londons: Fast alle Weltkonzerne und die meisten international agierenden Rechtsanwaltskanzleien und Steuerberater sind hier mit mindestens einer Dependance vertreten. Ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das beim Dreieinhalbfachen des EU-Durchschnitts liegt, sorgt für eine stabile Nachfrage. Zudem gilt der Immobilienmarkt als transparent und liquide. Ein Objekt lässt sich leicht wieder abstoßen. Eine Umfrage des Maklerhauses Jones Lang LaSalle kam jüngst zu dem Schluss: Die britische Hauptstadt ist der weltweit attraktivste Standort für Immobilieninvestoren.







