Die Staatsschuldenkrisen in Europa und den Vereinigten Staaten haben Investoren bisher nicht den Appetit auf Immobilien verdorben. In der ersten Hälfte dieses Jahres strömten weltweit 189,6 Mrd. Dollar, umgerechnet rund 140 Mrd. Euro, in Gewerbe- und Wohnobjekte. "Das entspricht einem Plus von 33 Prozent gegenüber den 142,5 Mrd. Dollar im Vergleichszeitraum des Vorjahres", sagt Raymond Torto, Leiter Global Research bei der Beratungsgesellschaft CB Richard Ellis (CBRE).
Die Nachfrage hat auch die Immobilienpreise in die Höhe getrieben. "Allein in den USA warfen Gewerbeimmobilien durch Wertanstiege und Mieterträge in den vergangenen zwölf Monaten einen Totalertrag von 16,7 Prozent ab", berichtet Thomas Beyerle, Chefresearcher der Immobiliengesellschaft IVG.
Dennoch reisen zahlreiche Akteure mit gemischten Gefühlen zu der am heutigen Dienstag in München beginnenden internationalen Immobilienmesse Expo Real.
"Wegen der Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft wird sich das Investitionsgeschehen an den europäischen Immobilienmärkten im weiteren Jahresverlauf abschwächen", prognostiziert Eri Mitsostergiou, Leiter Research Europa bei der Beratungsgesellschaft Savills. Günter Vornholz, Leiter Marktanalyse beim Immobilienfinanzierer Deutsche Hypo, zeigt sich ähnlich skeptisch: "Die jüngsten Daten von der globalen Wirtschaftsfront werfen dunkle Schatten über die Immobilienmärkte."

In den USA ist der Einkaufsmanagerindex des Institute for Supply Management seit Februar von 60,4 auf nur noch 50,6 Punkte gefallen, er notiert damit gerade noch knapp über der Wachstumsschwelle von 50 Zählern. In der Euro-Zone ist das Vergleichsbarometer sogar auf nur noch 48,9 Punkte gesunken, es signalisiert damit eine deutlich rückläufige Geschäftstätigkeit. Auch im Fernen Osten haben sich die Konjunkturindikatoren der großen Exportnationen China, Japan, Korea und Taiwan deutlich abgeschwächt; in China fiel der Markit-Indikator, der die Wirtschaftsentwicklung im Dienstleistungssektor misst, im September auf nur noch 50,6 Zähler. In Deutschland sank der vom Ifo-Institut ermittelte Geschäftsklimaindex im September zum dritten Mal in Folge. "Die deutsche Wirtschaft ist von den weltweiten Turbulenzen erfasst worden", stellt Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen fest.
Deutsche-Hypo-Mann Vornholz erwartet deshalb: "Zeichnen die Indikatoren ein realistisches Bild der weiteren Wirtschaftsentwicklung, werden Unternehmen im kommenden Jahr keine zusätzlichen Büro-, Einzelhandels- und Logistikflächen anmieten." Weil zugleich noch weitere Neubauten an die Märkte kommen, dürften die Leerstandsraten steigen und die Mieten tendenziell sinken.
Nicht nur wegen dieser negativen Fundamentaldaten drohen die Immobilienpreise wieder unter Druck zu geraten: Die für das Investmentgeschehen wichtige Käufergruppe der Altersvorsorgeeinrichtungen und Versicherungen dürfte sich in nächster Zeit mit Immobilienkäufen zurückhalten, sagt Marcus Lemli, Leiter Investmentmärkte Deutschland bei der Beratungsgesellschaft Jones Lang LaSalle (JLL): "Durch den Kursverfall bei Aktien und Anleihen ist der Immobilienanteil in den Portfolios dieser institutionellen Investoren bereits überproportional gestiegen."
Damit droht die erst im vergangenen Jahr begonnene Erholung der Immobilienmärkte von den Folgen der Finanzkrise zumindest ein vorübergehendes Ende zu finden. "Bereits im zweiten Quartal dieses Jahres hat sich das Wachstum an zahlreichen europäischen Standorten merklich abgeschwächt", berichtet David Rees, Researchstratege Europa bei der Beratungsgesellschaft DTZ. Seit April hätten Unternehmen in zahlreichen Ländern nur noch zurückhaltend weitere Büroflächen angemietet. Deshalb seien lediglich in sieben der 21 großen Metropolen des Kontinents die Mieten im zweiten Quartal noch gestiegen. Zuwächse verzeichneten dabei vor allem Standorte in Skandinavien und Osteuropa sowie in Deutschland.

ftd, 16:15 Uhr
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