Sie kommen zum Garten des Kunst-Museums "Haus am Waldsee" in Berlin, um Aisslingers serienreifes Modellhaus zu bestaunen. Es ist zwar für luftige Orte mit schöner Aussicht konstruiert, trotzdem steht es hier am Ufer des Sees am falschen Platz. Nicht nur weil die Stromanlage des Museums zu schwach ist, um die Heizung seines Loft Cubes – so hat Aisslinger seinen Wohnwürfel getauft – mit Energie zu versorgen.
An viel höhere Lagen hatte der Designer gedacht, als er das modulare Gebäude entwickelte. "Spannend war unsere Idee, Dächer zu besiedeln. Das war ja ein völlig neuer Kontext", sagt Aisslinger. Tradition hingegen hat die Idee des Modulhauses. Schon der US-amerikanische Architekt Buckminster Fuller hatte damit in den dreißiger Jahren experimentiert, sein französischer Kollege Jean Prouvé verfolgte die Idee zehn Jahre später weiter. Und in den sechziger und siebziger Jahren wurden in Japan und Finnland einige Kunststoffwohnwürfel gebaut. Flachdächer gibt es in Deutschland genug. Noch vermieten die Eigentümer den Raum vor allem an Unternehmen für Funkmasten und Werbetafeln. Die haben natürlich keinen Sinn für die Aussicht, die auf einigen Hochhäusern geboten wird. Mit dem Loft Cube könnte dieser exklusive Ort nun für die Menschen zurück gewonnen werden – deren Bewohner hätten 39 Quadratmeter Wohnraum mit Weitblick über der Stadt.
Zwei Möglichkeiten gibt es, um die Wohnwürfel auf die Dächer zu transportieren
Mit dem Hubschrauber oder mit einem Kran. Lastenhubschrauber sind selten und teuer – entsprechend kostspielig wäre der Umzug. Die Arbeit mit einem kostspieligen Kran ist wesentlich günstiger. Dazu wird der Cube zerlegt und in Einzelteilen auf das Dach gebracht. Innerhalb von vier Tagen kann er komplett aufgebaut werden. Vorab sollten Interessierte aber klären, ob das Dach für die Wohnwürfel geeeignet ist, denn nicht alle Dächer sind ausreichend tragfähig. Entscheidend ist die Statik. "Da gibt es aber in hohen Bauten meistens genügend Reserven in den Stützen. In den häufigsten Fällen können sie mit zehn Prozent mehr belastet werden", erklärt Professor Alexander Furche vom Tragwerks-Institut für Entwerfen und Konstruieren in Hannover. Auch der Wind wird zum Problem: Auf besonders hohen Gebäuden weht er schon einmal mit bis zu 40 bis 50 Stundenkilometern. Deswegen sollten die Aufbauten gut ausgesteift werden, damit die Wände nicht wegknicken. Das sei aber bei Leichtbauten zum Beispiel mit Hilfe von Wandscheiben heute kein Problem mehr, versichert Furche. Kritischer ist allerdings ein weiterer Punkt. Die meisten Flachdächer sind als Aufenthaltsbereiche konstruiert. Sie dürfen nicht betreten werden, weil sie die gesetzlichen Brandschutzauflagen nicht erfüllen. Damit die Aufbauten genehmigt werden, muss die Dachdecke einem Brand 90 Minuten standhalten, ohne einzustürzen. Erfüllt die Decke die Anforderungen nicht, kann sie je nach Bauweise verstärkt werden. Alternativ ist es aber auch möglich, die Unterdecke des Flachdaches mit feuerfesten Brandschutzbauplatten zu verstärken. "Das sind dann zwei, drei Zentimeter Aufbau, die hinzukommen", sagt Gürsel Dincer, Brandschutzexperte vom Büro Brandschutz Planung Klingsch in Düsseldorf. Auch an Rettungswege müsse selbstverständlich gedacht werden, ergänzt er. Sind diese Fragen geklärt und mögliche Probleme beseitigt, dann steht dem Wohnvergnügen eigentlich nichts mehr im Wege – jedenfalls für Leute mit genügend Kapital. "Die Zielgruppe ist sicherlich der Designliebhaber, der auch das nötige Kleingeld besitzt", sagt Aisslinger. Am Anfang kalkulierte er noch mit einem Preis von 50.000 Euro. Die Hoffnung auf dieses relativ günstige Angebot hat sich nicht erfüllt, denn die eingebaute Technologie das verwendete Material wurden immer teurer. Mittlerweile ist der Wohnwürfel für 89.000 Euro zu haben. Und wie bei einem Auto gibt es auch hier einen deutlichen Unterschied zwischen Grundausstattung und Luxusversion. Die Aufpreisliste ist lang. Einbauten und spezielle Fassadenelemente lassen den Preis schnell über 100.000 Euro klettern.
capital.de, 22.11.2007
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