Die Nachricht traf Nordhild Köhler völlig unvorbereitet. Das Reihenhaus der 67-jährigen Wiesbadenerin, die seit 1980 mit ihrer Familie auf der Baleareninsel Formentera lebt, soll auf einmal zu nah am Meer gebaut worden sein. Geht es nach den Behörden, verstoßen die Köhlers gegen das Küstenschutzgesetz. Danach darf auf dem Land 100 Meter, in der Stadt 20 Meter von der Wasserlinie entfernt nicht gebaut werden. „Wir sind einfach enteignet worden, obwohl wir seit 1984 den Grundbuchauszug haben“, klagt Köhler. Ihr Name wurde aus dem Grundbuch gelöscht.
Nach Schätzungen des Verbandes
AEPLC, der die betroffenen Hausbesitzer
vertritt, verstoßen in Spanien rund 300 000
Immobilien gegen das Gesetz von 1988.
In den 90er-Jahren verdienten Regierung
und Stadtverwaltung noch tüchtig am
Bauwahn mit. Doch seit die Urlauberzahlen
sinken, erinnert sich die Regierung
unter José Luis Rodríguez Zapatero wieder
an das Gesetz und will so den Prozess der
Zubetonierung
rückgängig machen. „Spanien
ist heute ein Land mit großer Rechtsunsicherheit“,
warnt Andreas Fuss von der
Rechtsberatung Lomaslegal in Barcelona.
Besonders problematisch: Vielerorts ist die
Küstenlinie gar nicht festgelegt, oder sie
wird nach Belieben geändert. Familie
Köhler hofft jetzt auf Brüssel: Am 26. März
2009 beschloss das Europäische Parlament,
die Zustände in Spanien zu untersuchen.
Nachrichten zu Enteignungen, Bombenterror
und Rekordarbeitslosigkeit setzen
dem Immobilienmarkt heftig zu. Nach
Angaben des Maklerverbands API gingen
die Preise dieses Jahr um bis zu 15 Prozent
zurück. Und die Aussichten sind düster:
Knapp 20 Prozent der Spanier sind ohne
Job, viele Haus- und Wohnungsbesitzer
können ihre Darlehen nicht mehr bedienen.
Allein in Andalusien werden 4000
Objekte zwangsversteigert. In der besonders
betroffenen Region Valencia an der
Costa Blanca fielen die Immobilienpreise
gegenüber 2007 teilweise um 60 Prozent.

Capital, 20.08.2009
© 2009 Capital © Fotos / Illustrationen: Photocase




